Informationsüberflutet

Nachdenklich

Morgens wird man durch das iPhone aus dem meist viel zu kurzen Schlaf gerissen. Kurzer Blick auf die privaten E-Mails, es könnten ja über Nacht neue Nachrichten eingegangen sein. Aufstehen. Duschen. Frühstück. Ab in die App des Kölner Stadtanzeigers. Zeitunglesen. Nebenbei: Radiohören. Und dann auch schon los.

(Bildquelle CC-BY a_sil | flickr.com)

An der S-Bahn-Haltestelle angekommen noch eben fix bei Foursquare einchecken, der Mayor-Titel kommt ja nicht von irgendwo her. In der Stadtbahn zu den Klängen von Angus & Julia Stone wird schon mal ein Blick in die Twitter-Timeline geworfen. Kurze Tweets mit den morgendlichen Leidensgenossen. Dann aussteigen.

Im Büro angekommen. Den Rechner hochfahren. 15 E-Mails sind seit gestern Abend eingegangen. Kurzer Blick über den Google-Reader. Keine neuen Nachrichten auf Facebook. Wechsel zu Xing. Danach arbeiten.

Auf dem linken Bildschirm Tweetdeck, auf dem rechten der Artikel über die Unruhen in Libyen, der bis zum Ende des Tages fertig werden soll. Kaffee. Text nimmt Formen an. Man nähert sich dem letzten Absatz. Kurzer Blick nach links um festzustellen, dass es zu dem Thema wieder ein Vielfaches an neuen Tweets gibt. Aktualisieren lautet nun die Aufgabe. Ausblick: die Abgabe um 18.00 Uhr. Rückblick: Die Informationswelle im Nacken. Das Jetzt: Das Informationsdilemma.

Heute bin ich auf der Webseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf einen tollen Artikel mit dem Titel „Hätte Goethe einen Facebook Account“ gestoßen. Dort heißt es:

„Die Antwort ist: vermutlich. Unbefangen nutzen würde er ihn aber nicht. Denn auch der Dichter kannte schon die Überforderung des Geistes durch fortlaufende Neuigkeiten. So mied er phasenweise bewusst seine Lieblingszeitungen.“

Information ist allgegenwärtig, multimedial, leicht zugänglich und beinah überall abrufbar. Die Zahl derer, die publizieren ist stark gestiegen und ist nicht mehr auf einen festen Kreis von Journalisten begrenzt. Die Informationenkanäle sind vielfältiger und die Hürden, Informationen zu beziehen, sind viel geringer geworden. Also eigentlich ein Grund zur Freude, oder etwa nicht?

Die Konsequenzen sind, wie der Kognitionswissenschaftler Michael Rich von der Harvard Medical School kürzlich in einer Studie festgestellt hat, verheerend: Mittlerweile ist es zu einem teuflischen Unterfangen geworden, konzentriert ein Buch durchzulesen oder diszipliniert einen Text zu schreiben, ohne der Versuchung des medialen Überangebots zu erliegen, das dank der Allgegenwart von Wireless-Hotspots und portablen Computern abrufbar ist.“

In der Menge von Informationen wird es zunehmend schwieriger, den Überblick zu behalten, zu selektieren und zu erfassen. So viel Information es gibt, so schnell verfällt deren Aktualität. Berichterstattung ist nur dann wirklich aktuell, wenn man mit Laptop und Smartphone am Ort des Geschehens sitzt und von dort live berichten kann.

Manchmal sollte man von dem eigenen Anspruch, immer informiert sein zu wollen, Abstand nehmen, nach einer guten Unterhaltungslektüre greifen und das Informationskarusell sich selbst überlassen.

Informationsüberflutet.

  • acg

    bin gerade über deine seite gestoplert, dank dem ständigen Drang nach mehr Informationen. Gibt ne ganz nette und handliche Theoie dazu, auf die ich einfach mal verweise: Hartmut Rosa: Beschleunigungstheorie.

    • Anonymous

      Vielen Dank. Werde mir das mal anschauen.

      Gruß Christine

  • Pingback: punktefrau » Blog Archive » Wer auf eine Zeitinsel flüchtet, der findet nicht mehr zurück()

  • Thorsten Gaffga

    Hey Tine, erst einmal finde ich den Post sehr anschaulich geschrieben, gut so. das Wichtigste kommt für mich allerdings erst im letzten Satz, nämlich der Hinweis, sich auch mal „informatorisch zurückzunehmen“. Klar, sind Infos etc. allgegenwärtig, aber letzten Endes (wenn nicht gerade beruflich bedingt) ist es doch immer noch die Entscheidung eines jeden Einzelnen, jetzt dies zu lesen, während man sich jenes anhört etc. Viele Menschen, so ist mein Eindruck, überfluten sich auch gerne selbst, nur um dieses Gefühl zu haben zu den Informationsüberfluteten dazu zugehören.

    Insgesamt führt aber alles zum Thema Zeitmanagement, denke ich. Klar, jeder sagt und weiß, dass das wichtig ist, aber wer hat da schon wirklich ein Konzept???
    Sollte ich irgendwann auf ein System aufmerksam werden, dass es einem ruckizucki erlaubt, nur die notwendigen Infos zur richtigen Zeit aufzunehmen und somit etwas entspannter durch den Alltag zu gehen, schreibe ich ein Buch drüber und du darfst Auszüge daraus hier posten :)

    In diesem Sinne, schönen Nachmittag noch!

    • Lieber Thorsten,

      vielen Dank für dein Feedback! Zeitmanagement ist ein wichtiges Thema. Und Effizienz. Das Informationsangebot in Gänze erfassen zu wollen, ist unmöglich. Ich halte es für wichtig, eigene Schwerpunkte zu setzen und durch die Möglichkeiten von z.B. Feed-Readern und E-Mail-Alerts über Themenbereiche auf dem Laufenden zu bleiben. Die machen bereits eine Vorselektion möglich. Ob und wann ich diese Informationen konsumiere ist (meist) mir selbst überlassen, da hast du völlig Recht. Die Geschwindigkeit, mit der Informationen bereitgestellt und verbreitet wird, bringt es dennoch mit sich, dass der Informationswert einer Nachricht recht schnell verfällt. Will ich also auf dem aktuellen Stand sein, muss ich mich ein Stück weit auf die Schnelllebigkeit einlassen. Oder ich nehme in Kauf nicht am Puls der Information zu sein, dann kann ich auch Abstand von der Geschwindigkeitsspirale nehmen.

      Grüße
      Christine

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  • Armario

    Also ich habe mir den Text auch gerade durchgelesen und muss sagen, er ist gut geschrieben, aber ich persönlich kenne das Problem nicht wirklich. Bin auch bei FB und anderen Netzwerken aktiv, aber hatte noch nie das Gefühl, dass sie mir Zeit stehlen oder meine Konzentration beeinträchtigen.
    Es kann aber auch sein, dass es daran liegt, dass ich den letzten Absatz beherzige bzw. nur die Informationen an mich ranlasse die m.E. auch wirklich wichtig sind.