Wer auf eine Zeitinsel flüchtet, der findet nicht mehr zurück

Entschleunigen

Unter den Kommentaren zu meinem gestrigen Blogbeitrag (Thema Informationsflut) befand sich ein Hinweis auf die Beschleunigungstheorie des Jenaer Soziologen Hartmut Rosa.

(Bildquelle: CC-BY caratello | flickr.com)

Die Zeit schreibt auf ihrer Webseite über Rosas Publikation „Entschleunigung„:

„Nicht Geld, nicht Macht, sondern Beschleunigung regiert die Welt. Der Soziologe Hartmut Rosa hat mit seiner Untersuchung der Zeit eine monumentale Theorie der Moderne vorgelegt“

Rosa stellt in seinem Werk die Behauptung auf, er wisse, warum Menschen leben, wie sie leben. Nicht Geld oder Macht bestimmen unser Leben, sondern die Gewalt der Beschleunigung, aus deren Fängen wir uns nicht entziehen können. In dem Artikel auf zeit.de heißt es weiter:

„Rosa bemüht unzählige Studien, die belegen, wie sehr sich Zeitwahrnehmung und Temporalstrukturen beschleunigen, wie Unruhe und Zeitnot wachsen, Vergangenheit verdämmert, Gegenwart schrumpft und Zukunft schwindet.“

Laut Rosa ist das Urtrauma der Moderne die Panik, keine Optionen mehr zu haben. Die Menschen haben Angst vor dem größten „Optionenvernichter“, dem Tod. Seine Diagnose belegt der Wissenschaftler mit einer Typologie der Sozialcharakteren, zu der auch der „Drifter“ und der „Spieler“ gehören. Beide gehen mit der Ungewissheit, was morgen ist, ähnlich um. Sie halten sich alle Optionen offen, entscheiden situativ und in letzter Minute, scheuen Bindung und Dauer. Beide haben gelernt sich anzupassen. Wenn ich es mir Recht überlege, kenne ich einige Leute, die sich in dieser Beschreibung wiederfinden dürften. Flexibilität wird doch heutzutage groß geschrieben. In der Arbeitswelt ist sie besonders gefragt. Auslandssemester, Sprachurlaube, flexible Arbeitszeiten, Weiterbildungen, lebenslanges Lernen und keine örtliche Bindung sind die Schlagworte. Vorwärts, immer vorwärts.

„Kurzum, soziale Beschleunigung untergräbt Identitäten und macht die Rede vom Lebensentwurf anachronistisch. Man ist nicht Bäcker, sondern man arbeitet (seit zwei Jahren) als Bäcker, man ist nicht Ehemann von Y, sondern lebt mit Y zusammen, man ist nicht Münchner und Konservativer, sondern wohnt (für die nächsten Jahre) in München und wählt konservativ.“ (Zeit online)

Der Wissenschaftler sucht in seinem Werk keinen Buhmann für die soziale Beschleunigung. Natürlich spielt dabei die kapitalistische Wirtschaftsform eine wesentliche Rolle. Denn hier greifen, nach Auffassung von Rosa, Wachstums- und Beschleunigungszwang ineinander und zudem verwandelt sie Zeit in Geld. Am Ende des Werks hofft der Leser, einen Notausgang aus dem Beschleunigungsapparat aufgezeigt zu bekommen. Falsch gedacht. Rosa macht deutlich, dass es keinen Ausgang gibt. Denn wer auf eine Zeitinsel flüchte, der finde nicht mehr zurück.

So gesehen kein besonders positives Fazit, was Hartmut Rosa dort zieht. Entweder man entscheidet sich, Teil des Geschwindigkeitsstrudels zu sein, oder nicht, dann allerdings mit der Konsequenz, nicht mehr Teil des Ganzen zu sein. Wichtig finde ich, dass Rosa in einem Interview mit Iris Radisch den Unterschied zwischen Beschleunigung und Fortschritt deutlich macht. Denn Beschleunigung ist nicht per se etwas Negatives. Ohne Beschleunigung, unsere Rastlosigkeit, Wissensdurst und die Informationsgier kein Fortschritt. Ohne Fortschritt keine Eisenbahn, kein Internet, keine Krebsforschung usw. … Hartmut Rosa ist sich sicher, dass wir jetzt in den spätmodernen Gesellschaften in verschiedenen sozialen Bereichen Geschwindigkeiten erreicht haben, die schädlich für uns sind, erklärt er im Interview.Weiter heißt es:

„Immer die Glaspalastwelt, die Fortschrittsidee. Das Versprechen des Reichtums und des technischen Fortschritts war, uns frei zu machen, so zu leben, wie wir wollen. Wenn wir uns aber ständig ändern müssen, um uns den selbst geschaffenen Zwängen anzupassen, ist dieses Versprechen pervertiert. Dann leben wir nicht mehr, wie wir wollen, sondern wie eine von uns selbst in Gang gesetzte Maschine es erzwingt.“

Dieser kurze Exkurs in die Beschleunigungstheorie von Hartmut Rosa hat mich neugierig gemacht. Amazon sei Dank wird das Buch hoffentlich morgen den Weg zu mir finden. Wenn ihr noch weitere interessante Links zu der Theorie von Hartmut Rosa kennt, freue ich mich über Hinweise.

Quellen:

  • Hartmut Rosa (2005): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne; Suhrkamp Verlag

weiterführende Links:

  • hab meine Abschlussarbeit über ihn geschrieben :) Ich geb dir gerne nen Stapel Bücher zu dem Thema…

    • Cool. Also danke für das Angebot aber der Stapel Bücher wäre wohl zu viel des Guten ;-). Gibt’s deine Arbeit online zu lesen? Daran wäre ich sehr interessiert.

      LG Christine

      • kann man online kaufen :) kann ich dir aber auch so schicken, die ist ja schließlich auch schon ein paar Jahre alt.

  • Um ehrlich zu sein, klingt das Ganze wie eine ziemlich altmodische Dichotomie. Zwischen den beiden genannten Polen findet viel statt an Insel- und Oasen-Leben, an Beschleunigungs- und Entschuleunigungszyklen. Mein Leben ist nicht nur Bleifuss. Kurz: klingt mir sehr simplizistisch.

    • Stimmt. Zwischen Be- und Entschleunigung gibt es sehr viel. Wie viel davon in der Theorie von Rosa wirklich zu finden ist, werde ich erst nach der kompletten Lektüre von „Beschleunigung“ beurteilen können. Bin gespannt und werde hier im Blog berichten ;-).

      Grüße Christine

  • acg

    Freut mich sehr, dass Du meiner Empfehlung gefolgt bist. Ich hoffe Du hattest ein wenig Freude an der doch sehr pessimistischen Theorie, die dafür aber sehr in Alltagsphänomenen bleibt und ‚fischt‘.
    Ich denke im übrigen nicht, dass es mit einer vermeintlichen Kategorisierung a la Simplifizierung ad acta gelegt werden kann, sondern der Anspruch des Autors ist nicht minder anspruchsvoll: komplementär zu Strömungen der Kritischen Theorie (sowohl Adorno und Co, als auch Habermas und Honneth, sowie Forst (wenn er denn dazuzuzählen ist)) eine kritische Gesellschaftsbeschreibung zu liefern.

    Anbei noch ein Link zu einem Vortrag, den ich damals als kleine Einführung in die Theorielandschaft hörte:
    http://wissen.dradio.de/soziologie-bis-zum-rasenden-stillstand.88.de.html?dram:article_id=5582

    Beste Grüße,
    arthur