Zahlen und nichts als Zahlen

Erbsenzählen

Zahlen alleine waren noch nie der Weisheit letzter Schluss. Das Praktische an ihnen ist, sie sind Hieb und Stich fest, glaubt man zumindest. Ok, ich gebe zu, das war jetzt sehr plakativ formuliert. In den knapp zwei Jahren, die ich nun in der Medienbeobachtung tätig bin, ist es nicht selten vorgekommen, dass Unternehmen jede noch so kleine Nennungen in ihre tägliche Presseschau aufgenommen haben wollten – klar ein 60 Seiten starker Pressespiegel macht bei den Konzernlenkern einen größeren Eindruck, als ein 20 Seiten schwaches Exemplar.

(Bildquelle: CC-BY JaBB | flickr.com)

Und dennoch: Geht es nicht bei einer Presseschau darum, einen Überblick der Nachrichtenlage zu liefern, aus der insbesondere Vorstände und Manager die relevanten Meldungen bzgl. ihres Unternehmen, der Wettbewerber und politischen oder wirtschaftlichen Entwicklungen entnehmen können? Allerdings dürfte es die Vorstände großer Konzerne wohl kaum interessieren, was der „Hinterwälder Kleinanzeiger“ über Bauer Meier schreibt, der zufällig das Futter des Unternehmens an seine Tiere verfüttert. Was ich damit sagen will: Natürlich muss man dabei unterscheiden, ob es sich um eine für das Unternehmen relevante Meldung à la „die Tiere haben das Futter nicht vertragen“ handelt oder nur kleine Randnotiz handelt. Je größer bzw. präsenter das Unternehmen, desto wichtiger die Selektion – zumindest was den Presespiegel betrifft. Nachrichtenflut ersetzt auf keinen Fall den Nachrichtenwert (Ja ich werfe freiwillig, fünf Euro ins Phrasenschwein…). Erbsenzählerei ist meiner Meinung nach an dieser Stelle fehl am Platz. Stattdessen trifft etwa die Medienresonanzanalyse Aussagen darüber, wie oft in welchen Medien welches Produkt bzw. das Unternehmen genannt wurde. Hier darf, nein soll, Erbsengezählt werden, wenn auch die Interpretation der Zahlen am Ende das Entscheidende ist – das aber nur am Rande.

Wo Artikelschnipsel gezählt werden, wird mit ebenso großer Freude pro Follower, Fan und Liste ein Strich gemacht.

Gratulation! Sie haben 4 Social Media-Kanäle, 800 Follower, 127 Fans … und 0 Dialog, Interaktion oder wie man es auch immer betiteln möchte.

Genau zu diesem Thema schreibt Gunnar Sohn in einem Beitrag:

„Die Entwicklung eines Social Media-Index zur Erfolgskontrolle von Aktivitäten im sozialen Netz erfordert nach Auffassung der Marketingprofessorin Heike Simmet eine Kombination von quantitativ erfassbaren Größen mit qualitativ orientierten Einflussfaktoren. Beziehungsreichweite, gemessen an Faktoren wie Anzahl der Fans oder Follower und Feedbackintensität, gemessen an Faktoren wie Zahl der Retweets und Empfehlungen, müssen kombiniert werden mit weichen Faktoren, die sich beispielsweise aus semantischen Analysen ableiten lassen.“ Entscheidend sei auch die Berücksichtigung der 1-9-90-Regel – auch als Nielsen-Regel bezeichnet. 90 Prozent der Nutzer sind auf Social Media- Plattformen passiv und leisten keinen Beitrag, neun Prozent leisten einen kleinen Beitrag und nur ein Prozent der Nutzer ist für nahezu die gesamten Beiträge verantwortlich.“

Als ich den Artikel heute gelesen habe, musste ich einige Male kräftig mit dem Kopf nicken.

Es wäre schön, wenn wir aufhören würden, Erbsen zu zählen.

Dialog, Engagement, Meinungsführer, Involvement, Authentizität, Tonalität, auf Augenhöhe.

Die Anzahl einzelner Artikel/ Beiträge, also die quantitative Auswertung, steht am Anfang eines jeden Monitorings, egal ob Print oder Online. Danach erfolgt die Selektion, das Sortieren und Aussortieren. Und ohne den nächsten Schritt, die qualitative Analyse, bleiben es nur Zahlen. 4 Social Media-Kanäle, 800 Follower, 127 Fans und 0 Ahnung, ob man das Erfolg nennen kann.