Es gibt auch noch die Anderen

Die anderen

Es gibt sie: „die Anderen“, die „Nicht-Onliner“, die nicht „Social-Media-Experten“, die „Nicht-Online-Junkies“. Gerade erzähle ich einer Freundin am Telefon von dem Social Bookmarking-Dienst Diigo, mit dem sich Bookmarks verwalten und sharen lassen, den ich browser- und computerunabhängig und als App auf dem iPhone nutzen kann. Ich merke jedoch schnell, dass weder das Social Bookmarking noch die Apps fürs iPhone ihr so richtig geläufig sind bzw. sie gerade interessieren.

(Bildquelle: CC-BY baerchen57 | flickr.com)

Und ich halte kurz inne.

Man selbst bewegt sich in einem selbst geschaffenen „Dunstkreis“, twittert, bloggt und beschäftigt sich beruflich mit den Social Media. Häufig sind die Gesprächspartner in einer ähnlichen Situation. Schnell sind Themen gefunden, man tauscht sich über die neuesten Applikations und Tools aus und darüber, wie man die Kunden am besten auf dem Weg ins Social Web begleitet. Die Blogosphäre durchforstet man tagtäglichen nach Neuigkeiten, findet die Säue und treibt sie weiter durch’s Dorf. Startet den Tag mit einem #morgähn und beendet ihn mit einem #twoff.

Dass man sich auf Twitter duzt und sich mit quasi fremden Menschen zu einem blinddateartigen Treffen namens Tweetup verabredet, kann nicht jeder nachvollziehen. Manchmal schüttelt einige „Andere“ den Kopf, wenn ich auf die Frage „Woher kennst Du denn den X“ wieder antworten muss „von der Veranstaltung Y“ oder „über Twitter“.

Was man dabei schnell vergisst, ist die Tatsache, dass „die Anderen“ weder eine besonders kleine Gruppe, noch besonders weit von uns entfernt sind. Die Generation meiner Großeltern gehört beispielsweise dazu, aber es sind auch, und das finde ich ganz entscheidend, die Leute, mit denen ich zusammen Medienwirtschaft studiert habe, die in der gleichen Branche arbeiten, aber eben nicht den Schwerpunkt auf „Online“ gelegt haben, sei es beruflich oder privat. In ihren Ohren sind Foursquare, QR-Codes und Dropbox nur Begriffe. Ein Onliner könnte zu jedem Begriff minutenlange Vorträge halten.

Das ist jetzt alles bewusst etwas überspitzt dargestellt und doch: Man sollte ab und zu einmal über den Rand der „Online-Brille“ schauen, denn da gibt es auch noch „die Anderen“.

  • Liebe punktefrau,
    ich bin ganz deiner Meinung. Wir bewegen uns nicht nur online in communities, sondern auch offline. Ich hab mich letzten im Waschsalon ersnthaft eine halbe Stunde lang mit einer Frau über Boule unterhalten. Sie hieß Andrea und nahm an Boule-Weltmeisterschaften statt. Sie ging total in diesem Thema auf und ich habe nur staunend zuhören können und habe genau wie du gemerkt, dass es auch eine Welt außerhalb „unserer“ Buzzwordsphäre gibt. Leider kommt man viel zu schnell wieder in seinen alten Trott hinein und ich ertappte mich dabei zu überlegen, ob man nicht eine Boule Gruppe auf Facebook eröffnen sollte. :) 

    • Su Franke

      schöner Beitrag, danke Dir. Geht mir auch oft so und ich versuche dann bewusst mal ein paar Sätze ohne Online Begriffe gerade hinzubekommen. Für mich ist das Leben nicht Online ODER Offline sondern beides. Und ich möchte diese Bereicherung, nicht missen, aber eben auch immer schön auf dem Offline Boden bleiben und sich bewusst sein, dass jeder ein anderes Leben lebt. Aber die Frage nach dem iphone stellt sich mir doch, warum geben die Leute soo viel Geld dafür aus?

  • Da hast du auf jeden Fall recht … Nur weil unsere „Spielsachen“ cooler geworden sind heißt das nicht, dass wir deswegen automatisch in der Mitte „angekommen“ sind. Die Exoten sind nach wie vor wir (http://danielrehn.wordpress.com/2010/06/30/die-exoten-sind-wir/)

  • Die Empfehlung, Ihre Conclusio teile ich. Zumal ein Großteil meines persönlichen Umfeldes von „Sachen“ wie facebook oder Twitter vielleicht grad mal gehört hat – und trotzdem glücklich ist! :-) Ich glaube allerdings, zwischen den Zeilen eine vorsichtige Warnung zu erkennen, im Sinne von: Leute, je mehr online heißt nicht desto mehr mitten in der Gesellschaft.
    Ich sehe Online lediglich als einen „simplen“ Beweis dessen, was schon seit Jahrtausenden zu den Grunderkenntnissen des Menschen gehört: Menschen sind Herdentiere, Menschen sind von Natur aus vernetzt – mal mehr mal weniger. Aber nur die Wenigsten leben wirklich völlig autark – auf einer einsamen Insel etc. Insofern könnte man behaupten, das Internet hat nichts grundsätzlich am Zusammenleben geändert. – Im Gegenteil: Diejenigen, die sich nachhaltig in der Online-Welt verlieren, rücken unbewusst an einen gesellschaftlichen „Rand“. Das ist nix Schlimmes – vielleicht aber schade. Denn die Kommunikation zum oder mit dem „Rand“ kann schnell ausdünnen.

  • toller Beitrag! Ich sehe es wie Su Franke, dass Online und Offline zusammen gehören. Ich will eine gute Balance aus beiden finden. Da die Online-Welt sehr viel Abwechslung und Anregung bietet, „verweile“ ich dort länger, als mir lieb ist. Auch in Gesprächen mit „den Anderen“ komme ich häufig wieder zurück auf Themen aus der „Online-Welt“. Ich: Beate hat jetzt ihren Urlaub gebucht. Nachbarin: Woher weißt du das? Na aus Facebook. Und schon ist man wieder „drin“. 
    Für meinen Sohn ist es selbstverständlich, so oft wie möglich „online“ zu sein. Verabredungen zum Sport, Kino, Hausaufgaben-Hilfe, … so ziemlich alles wird online geregelt. Da frage ich mich, was machen „die Anderen“ oder gibt es diese in der Generation „digital natives“ nur noch als Exoten? 
    Und etwas treibt mich auch die Sorge, dass das „Offline-Leben“ in seiner Qualität untergeht. Wir alle dürfen es nicht verlernen und müssen Vorbild sein, dass der ganz individuelle persönliche Austausch (face-to-face) seinen Stellenwert und seine Qualität behält. Denn da entstehen echte Freundschaften und Beziehungen – fürs Geschäft und fürs Leben!        

  • Full Ack. Deshalb genieße ich es sehr, auch einmal ausschließlich mit Offlinern zusammen zu sein. Insbesondere dann, wenn diese Offliner von meinem online sein genervt sind und mich – zu recht – ermahnen, NICHT zu twittern, NICHT zu facebooken oder NICHT unbedingt gerade jetzt bei Foursquare oder Gowalla einzuchecken.

    Dieses Erden hilft ungemein. 

  • Schöner Beitrag! Es ist auch immer erschreckend zu sehen, dass Computer gemäß aller alten Sci-Fi Sorgen aus den Achtzigern doch die Weltherrschaft übernommen haben: Wenn man sich in der Bahn / Stadt / Umfeld umguckt und sieht, dass sich zwei gegenüber sitzende, potentielle Gesprächspartner doch lieber mit ihren Smartphones unterhalten (oder die Smartphones mit Ihnen)?

  • Sicherlich: Warum sollte es dieser „Berufsgruppe“ anders gehen als Millionen anderen „Fachidioten“? Ich denke, man muss auch nicht jeden neuen Dienst/Trend kennen oder mitmachen, habe persönlich Null Interesse daran, meinen Standort bei Foursquare zu tickern, und rein Privates gehört für mich einfach nicht online. Das hat aber mit rein persönlichen Befindlichkeiten zu tun. Wer keine Massenveranstaltungen mag, geht ja auch nicht zu Rock am Ring.

    Beim Thema online aber ist es etwas anders. Dabei handelt es sich meiner Ansicht nach um eine – und im Bild bleibend –  „Fachidiotengruppen“-übergreifende Sache. Online ist für mich „die“ neue Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts – wer sich ganz dagegen verschließt – und diese Erfahrung mache ich häufig mit Menschen meiner Altersgruppe, die ähnlich wie deine Freundin reagieren, bestenfalls zugeben, dass sie keine Ahnung haben, wovon ich überhaupt spreche, bei dem Versuch, sie „aufzuklären“, aber meist abwinken -, tritt eigenverantwortlich aus der Teilhabe der Gesellschaft aus. Und das finde ich sehr schade!

  • Es hilft, einen Freundeskreis mit „anständigen“ Berufen zu haben.

  • Es ist immer von Vorteil, sich mal die Welt aus einer anderen Perspektive anzuschauen. Dass die Beschäftigung mit Social Media auch schon mal etwas „Nerdiges“ mit sich bringen kann, finde ich auch. Aber die „Anderen“ gehen mir auch manchmal schwer auf die Nerven. Dann nämlich, wenn immer so etwas Abschätziges mitschwingt wie „ach Gott, Facebook ist überflüssig wie ein Kropf“ oder „Twitter? Also ne, ich möchte nicht wissen, wer sich gerade wo in der Nase bohrt …“ oder der Totschlag-Spruch: „Was du so alles machst …“ Als ob man sich im Rotlicht-Milieu aufhält! Also ich bin vielleicht nicht der absolut eingetauchte digital resident, aber ich nutze alle diese verschiedenen Kommunikationsmittel und freue mich an einem wachsenden Netzwerk von durchweg sehr viel aufgeschlosseneren und oft auch sympathischeren Menschen als ich sie in der Vergangenheit in meiner „Branche“ kennengelernt habe. Ach ja, ich arbeite im Kulturbereich :-)

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