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Digitale Kommunikation und das tägliche Leben
Punktlandung

Nein, wir sind nicht alle befreundet

7. Oktober 2011

Nein, wir gehen nicht jeden Tag fröhlich pfeifend durch die Straßen, grüßen jeden Passanten, der uns entgegenkommt, und weisen die Dame vor uns auf dem Gehweg darauf hin, dass sie ihre Quittung gerade verloren hat.

Wir mögen nicht jedes Essen, jeden Wein, jede Band, jede Farbe, jede Frisur, jedes Auto und auch nicht jeden Menschen. Und was noch viel wichtiger ist: Wir sind auch nicht mit jedem Menschen dick befreundet oder gut bekannt.

(Quelle: CC-BY Philip Michael Wilson| flickr.com)

In den letzten Tagen konnte man bei einem Blick in die Twitter- und Facebook-Timeline oder in den Google Reader den Eindruck bekommen, wir, die Netzgemeinde, sind eine große Familie, in der jeder jeden schätzt und vor allem kennt und nicht zu vergessen: mag.

Das ist schon ein wenig beängstigend.

So traurig die Schicksale des iGod oder auch das des Carta-Begründers auch sind, diese Vielzahl von Nachrufen, Beileidsbekundungen und Blogbeiträgen, die in allen Zügen schildern, wie sehr der Tod dieser Männer die Person persönlich getroffen hat, verwirren mich.  Euch nicht?

Das Netz ist manchmal seltsam. Menschen begleiten uns als Statusmeldungen auf Facebook, Twitter & Co. durch unser tägliches Leben. Manche trifft man, andere bleiben eine virtuelle Bekanntschaft. Wir tauschen Neuigkeiten aus, helfen uns bei technischen Problemen und erzählen uns, wie wir uns fühlen. Aber sind wir deshalb Bekannte? Freunde? Stehen wir uns nah? Ich meine: Nein. Zumindest nicht alle.

Ich habe über das Netz schon viele nette Leute kennengelernt – Kontakte, die ich nicht missen möchte. Aus einigen Treffen haben sich Bekanntschaften und aus anderen Freundschaften entwickelt. Aber das ist eher die Ausnahme.

Und: Wenn ich jemandem wirklich nahe stehe und trauere, dann werde ich nicht darüber bloggen, denn das ist, und das ist meine persönliche Meinung, nicht der richtige Ort.

Etwas mehr zu differenzieren, könnte nicht schaden…

 

  1. Hey Christine,

    natürlich sind wir nicht alle befreundet, und wer könnte das eher sagen als meine unfreundliche Natur. Da ich auch einen Nachruf zu Steve Jobs geschrieben habe, möchte ich dir kurz erklären warum. Weil ich blogge. Ich blogge Dinge, die mich interessieren oder mich bewegen. Das ich ihn nicht kannte etc pp., schrieb ich dazu. Aber es war so surreal. Ich habe Steve Jobs als inspiriernde Person wahrgenommen. Nicht nur wegen seiner Produkte, sondern auch wegen deiner „Denke“. Ich konnte mir dort einige Dinge abschauen, die mich inspiriert haben. 

    Was macht man also, wenn man jemanden „ehren“ möchte? (Ehre dem, dem Ehre gebührt) – Ich habe es verbloggt, weil es das mindeste ist, was ich tun kann. Weil es meine Ausdrucksform ist. Und weil ich immer sagen werde: „Thank you, Steve – for all the magic“. 

    Vielleicht bin ich ein Fanboy. Ich finde es aber wichtig, dass man auch klar und deutlich darüber spricht. Über den Carta-Gründer habe ich nichts geschrieben. 1 Retweet. Ich kannte ihn nicht. Keine Beziehung, kein Mitteilungsbedürfnis. 

    Es wird sicherlich bei dem Thema auch einiges, der künstlichen Betroffenen dabei sein. Wie immer im Internet.

    Ansonsten gebe ich dir Recht, wir sind nicht alle im Internet befreundet. Aber viele heucheln dies, so wie sie es im echten Leben auch tun. Everybodys Darling funktioniert aber besser – wo einem doch auch alle von einer guten Reputation was erzählen ;-)

    Viele Grüße,
    Kai

    1. Hallo Kai,

      natürlich kann man einen Nachruf zu Steve Jobs schreiben, das habe ich auch nicht kritisiert, sondern dieses geheuchelte „persönlich betroffen sein“. 

      Ich gebe Dir Recht, es gibt viel zu viele Leute im Web mit einer 
      „Everybodys-Darling-Mentalität“.

      LG Christine

    2. Was hätte Steve Jobs mehr geehrt, als ein „technischer“ Nachruf im Sinne eines Blogs? Das wäre ja sonst wie August Horch in einer Kutsche zum Friedhof zu fahren….

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