Sie bewegen sich – ARD und ZDF auf der re:publica

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23.00 Uhr. Der zweite Tag der re:publica neigt sich dem Ende. Ein Tag, der sich insbesondere in vielen Sessions um das drehte, was Fernsehen gerade ist, sein möchte und sein muss. Immer wieder geisterten Begriffe wie Social TV, crossmedial, mobil, App, transmedial, Storytelling, Social TV und HBBTV durch die Räume.

Am heutigen Nachmittag konnten wir uns dann davon überzeugen, was sich auf Seiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks getan hat und gerade tut.

Ring frei für die ARD

Den Anfang machte die ARD. Ja, keine leichte Aufgabe. Denn die Verantwortlichen wussten im Vorhinein sicher schon ganz genau, dass sie an Themen wie der Verweildauer von Inhalten im Netz oder kritischen Fragen zur Tagesschau-App nicht vorbeikommen würden. Beruhigend zu erfahren, dass sie wirklich nicht drum herum kamen. Und auch wenn die Session mehr einer Vorstellungsrunde als einer Diskussionsrunde glich, so muss man an dieser Stelle anerkennen, dass die ARD sich dem Publikum und damit auch der Diskussion gestellt hat. Einwürfe aus den Zuschauerreihen, man solle doch dafür sorgen, dass Inhalte nicht nach Wochen oder Monaten wieder depubliziert werden müssen, zeugen davon, dass viele scheinbar immer noch nicht begriffen haben, dass dies nicht die Sendeanstalten, sondern die Politik entscheiden muss.

Geht es um Kreativität, neue Formatideen und crossmedialen Angebote, so
wird man bei der ARD fündig. Ein Kritikpunkt meinerseits: Diese Dinge geschehen oftmals eher im Verborgenen und werden nicht ausreichend beworben. Die Rundshow von Richard Gutjahr, Daniel Fiene und Co. (deren sendungsbegleitende App “Die Macht” übrigens seit heute im Appstore erhältlich ist) oder der interaktiven Tatort, der am 13. Mai ausgestrahlt wird, sind eine Ausnahme. Hier handelt es sich einerseits um gut vernetzte Akteure und andererseits um ein prominentes Format.

Und es ist doch schön, zu hören, dass beispielsweise der ARD-Youtube-Kanal besonders von der jüngeren Zielgruppe gut angenommen wird – auch wenn dieser Fakt nicht sonderlich verwundert.

Mich, als Freund von Location-Based-Services, hat dieser Gedanke aus den Reihen der ARD aufhorchen lassen: Im Zusammenhang mit der Tagesschau-App wurde der Gedanke geäußert, man könne durch die Ermittlung des Standortes alle (historischen) Informationen zu diesem Ort in die App spielen – ein Location-Based-Archiv also, eine hervorragende Idee!

Das ZDF bittet zum Stuhlkreis

Das zweite Schiff im Eiskanal hat es bekanntlich immer etwas leichter als der Eisbrecher, der eine Fahrrille brechen muss – ein Vorteil für das ZDF. Was den drei Speakern besonders am Herzen lag: der Austausch mit den Usern. Das wurde nicht nur klar (schon mit dem Titel) kommuniziert, sondern auch so ausgestrahlt. Statt der Vorstellung von Formaten ging es insbesondere um die Fragen: “Was ist der Mehrwert von einem öffentlich-rechtlichen Internetauftritt?” und “Welche Rolle spielen Social Media, crossmedia und transmediale Inhalte/Formate?”.

Der Twitter-Account des Mainzer Senders funktioniert und wird gut angenommen. Die Zuschauer erhalten relativ schnell Antworten auf ihre Fragen. Der Service stimmt aber dem Zuschauer – so auch eine Anmerkung aus dem Publikum – fehlt die letztliche Konsequenz, nämlich die Einflussnahme auf das Programm.

Sätze wie “Wir haben Onlinerechte für die Mediathek, das ist nicht einfach. Die rechtlichen Regelungen bei Drittplattformen sind hart, aber die Rechtevergabe bei Downloadinhalten sind die Höchststrafe.” machen deutlich, dass nicht alles so einfach ist, wie der Zuschauer es gerne hätte. An das Gesetz müssen sich auch diese Sender halten. Dass die Verantwortlichn manchmal nichts lieber täten, also viele dieser gesetzlichen Rahmenbedingungen zu verändern, glaube ich ihnen aufs Wort. Denn es ist sicher noch frustrierender in seiner täglichen Arbeit immer wieder in die Schranken gewiesen zu werden, als aus der Position des Zuschauers heraus ab und zu ein Negativerlebnis zu haben.

Auch im ZDF laufen die Mühlen auf Hochtouren: eine Second-Screen-App ist in Planung, es wird einen Newsroom geben, der alle Social-Media-Kanäle bündelt, und ab Sommer 2012 sind die Videos auch mobil aufbereitet abrufbar. Es geht doch in die richtige Richtung. Das Format “Sport extrem” ist auch einen Blick Wert. Jeden Monat wird hier eine andere Extremsportart vorgestellt. Dabei können die Sportler und Nutzer eigenes Videomaterial einbringen, was dann vom ZDF aufbereitet und zusammengeschnitten wird.

Soweit die beiden Sessions in der Zusammenfassung.

Was bleibt, ist der Eindruck, dass das ZDF nah an den Zuschauern ist, ihre Bedürfnissen ernst nimmt und am Austausch interessiert ist. Man fühlt sich als Zuschauer verstanden. Zur Freude der Teilnehmer gab es am Ende der Session Coupons für Freigetränke bei der re:fill-Bar, wo dann auch die Redner anzutreffen waren. Die ARD bleibt ein wenig mehr auf Abstand.

Was wir in all den Debatten um das Fernsehprogramm von morgen und unseren Forderungen nicht vergessen sollten, ist, dass wir – die 4.000 Teilnehmer der re:publica – nicht die einzigen Zuschauer sind, und dass die “Anderen” ganz andere Sehbedürfnisse und Mediennutzungsgewohnheiten haben. Hier wäre es wichtig, die Zuschauergruppen für die Themen, die uns online bewegen, zu sensibilisieren. Einen Versuch hat die ARD mit der Dokumentation über Facebook unternommen, die kürzlich im Ersten lief – und von vielen Onlinern spöttisch verrissen wurde …

Ob bei transmedialen, crossmedialen oder anderen Formaten muss doch eines gelten: Überfordere nicht die älteren Zuschauer, aber unterfordere auch nicht die onlineaffine, junge Zielgruppe. Diesem Anspruch gerecht zu werden, stelle ich mir wahrlich nicht einfach vor.

  • DanKlap

    Mein Empfinden: Die ARD versucht mit großen, aufwendigen Produktionen (Alpha 0.7, Tatort mit anschließendem OnlineGame) Eindruck zu schinden, das ZDF setzt auf die persönliche Note. Bei der ARD sind die Digitalkanäle mehr “Rudis Resterampe” für Dritt- und Viertverwertung, während das ZDF ihre Digitalkanäle eher als “Spielplätze” versteht und dort eine Reihe neuer Formate probiert, die weit weniger kostenaufwändig, aber persönlicher daherkommen. Die verschiedenen Sendeanstalten der großen ARD machen die Sache nicht einfacher. Mal sehen, wie lange Herr Gutjahr & Co. mit der Rundshow bleiben dürfen. Ich freue mich jedenfalls auf den 14.5.
    BTW: die Kollegin vom NDR und der Kollege vom BR haben nach dem ZDF gezeigt, wie die ARD auch sein könnte…

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