Dieses Internet ist wie das ganz normale Leben und Blogger sind nur Menschen

Blogger Relations

Es gibt Themen, über die möchte ich eigentlich gar nicht mehr bloggen, weil sie schon an anderer Stelle hoch- und runtergeschrieben worden sind. „Pressemitteilungen sind nicht gleich PR“, „Facebook ist nicht das Social Web“ und „Social Media sind nicht nur Plattformen“ gehören dazu – Blogger Relations auch. Warum ich es trotzdem mache? Weil ich immer wieder Pressemitteilungen bekomme, in denen ich entweder mit „Sie“ oder mit „Lieber Blogger“ angesprochen werde, weil der Inhalt der Meldungen komplett an meinem Interessengebiet vorbeigeht und ich mir immer wieder denk: Leute, so schwer kann das doch nicht sein!

Ich weiß, das mit der Beziehungspflege ist so eine Sache. Das meine ich ernst. Ich kenne Beziehungspflege aus zwei unterschiedlichen Perspektiven: aus einigen Jahren Pressearbeit für Unternehmen, aber auch als Besitzerin eines Blogs, zu der Unternehmen dann ab und an einmal versuchen, eben diese Beziehung aufzubauen.

Fangen wir einmal ganz von vorne an. Eine Beziehung entwickelt sich nicht von heute auf morgen auf. In der Regel muss man erst einmal eine Menge Zeit investieren, bis diese Beziehung „Früchte“ trägt. Verständnis füreinander bzw. für das Thema haben, ähnliche Interessen vorweisen können, aber auch Vertrautheit und Ansprache spielen hier eine große Rolle. Am Ende weiß man, was die andere Person darstellt, wer sie ist, wofür sie steht und was man von ihr erwarten kann.

Ihr werdet jetzt alle eifrig mit dem Kopf nicken. Doch bei den – ich nenne sie einmal – Presseinformationen, die ich im Laufe einer Woche zugeschickt bekomme, beschleichen mich Zweifel, ob das wirklich jedem klar ist. Daher:

Verständnis & ähnliche Interessen

Es ist doch so: Bin ich ein Saatguthersteller und möchte Informationen an die Presse versenden, so schreibe ich diese doch bitte nicht an den Journalisten für Elektrofachpresse. Warum nicht? Nun, der Journalist und ich haben keine Berührungspunkte, es sei denn, er sit privater Hobbygärtner. Das Wort Journalist kann man übrigens durch das Wort Blogger ersetzen und es gilt das Gleiche. Die Information über neues Saatgut wird bei dem einen wie bei dem anderen im Papierkorb des E-Mail-Postfaches landen.

Ansprache

Auch sehr beliebt: Die Pressemitteilung lieber an die info@abczeitung.de-Adresse verschicken, statt sich die Mühe zu machen, den relevanten Journalisten zu recherchieren. Nein, das kommt auch nicht gut an. Was auch nicht gut ankommt: Den Blogger mit „Lieber Blogger“ anzuschreiben, dabei wäre es doch so einfach gewesen, den Namen im Impressum oder in diversen Netzwerken zu recherchieren. Als wäre das noch nicht genug, sind die ersten 4 Sätze ordnungsgemäß in dem „Blogger-Du“ (halbwegs personalisiert) gehalten, bevor dann der restliche Text – ähm die Pressemitteilung/Presseinformation – im distanzierten „Sie“ gehalten ist. Die Zeit hat offensichtlich nicht gereicht, den Text komplett im Blogger-Du zu verfassen/anzupassen. Schade eigentlich.

Vertrautheit

Dieser Punkt wird meiner Meinung nach häufig unterschätzt. 99 Prozent der Presseinformationen, die ich als Blogger zuschickt bekomme, stammen von Firmen bzw. Personen, von denen ich nie zuvor gehört habe. Es wurde auch nicht versucht, mit mir vorher in Kontakt zu treten. Und hier liegt meiner Meinung nach der Fehler. Blogger Relations wird oft mit „ich schreibe jemanden auf die Verteilerliste für Pressemitteilungen“ verwechselt. Denn mal ehrlich, was bitte hat das Versenden einer Mitteilung mit Relations zu tun? Sorry aber das geht mir nicht weit genug.

Klasse statt Masse sollte die Devise sein. Unternehmen sollten sich Blogger ganz gezielt nach Themen und Interessen ausgucken und diese, bevor man etwas von Ihnen möchte, erst einmal kennenlernen oder zumindest den Kontakt herstellen. So fängt doch jede Beziehung an, oder etwa nicht? Man nähert sich langsam an und fällt nicht direkt mit der Tür ins Haus. Den ersten Kontakt herstellen, vielleicht mal ein Telefonat oder ein Event, zu dem Interessenten eingeladen werden, das wäre doch mal was. Und das bei dieser Vorgehensweise – ich lehne mich jetzt einmal aus dem Fenster – wesentlich wertvollere Kontakte für Unternehmen heranwachsen, daran zweifelt doch wirklich niemand oder?

Dieses Internet ist eben doch wie das ganz normale Leben und Blogger sind nur Menschen.

PS: Der guten Form halber: Dieser Artikel bedeutet nicht, dass ich keine Informationen von Unternehmen bekommen möchte, mir geht es um das wie, wann und von wem.

  • So true. Ich ärgere mich aber dann auch immer darüber, dass ich mich ärgere …

  • Heike

    <3 Ich habe einen Ordner für die großartigsten Mails, die mich erreichen. Sie liegen im Giftschrank. Bis mir der Kragen platzt.

  • Danke. auch wenn ich es theoretisch woanders lesen könnte – bei Bloggern die ich kenne mache ich es dann auch wirklich… solche Anfragen landen bei mir dann auch in Anlage P.
    mich ärgern aber auch Mails wie „Toller Blog, gutes SEO, magst du meinen Shop vorstellen/ meine Seite mal kritisch durchleuchten?“

  • Ostwestf4le

    Das unterschreibe ich sofort!

    Wichtig ist, das deine Schlussfolgerungen jetzt auch noch die richtigen Adressaten erreichen, damit wir uns künftig weniger über die Art der Ansprache und die Ausgestaltung der Informationen ärgern müssen :)

  • fortytwo195

    Der Punkt ist: Es gibt genug Blogger, die „Fuß“ fassen wollen. Und genau die verbloggen dann eben Querbeet. Sie besitzen weder eine klare „Strategie“ und somit keinen USP. Davon gibt es jedoch so viele (gefühlt, kann ich beim besten Willen nicht beweisen) und deren kumulierte Reichweite ist wahrscheinlich schon wieder Relevant. Auch ich besitze eine WordPress-Installation, die ich als Merkhilfen für mich selbst sehe und es verirren sich tatsächlich im Schnitt 10 Besucher pro Tag drauf. Ich werde aber (zum Glück) verschon von Anfragen, ob ich nicht bestimmte Dinge verbloggen kann. Wahrscheinlich macht sich doch jemand die Mühe, zumindest die Tagline zu lesen. Und da musst Du Dir auch ein wenig an die Eigene Nase fassen: „über digitale Medien und das tägliche Leben“ lese ich da. Schön. Ins „tägliche Leben“ passt verdammt viel – auch Saatgut (um mal Dein Beispiel zu nehmen). Somit KÖNNTEN auch verdammt viele andere Themen interessant sein. Zugegeben: Die Tagcloud schränkt es schon wieder ein und wird dann aber sofort von Deine Kategorien wieder aufgeweicht. Nein, ich kann es nicht besser – aber ich habe durchaus Verständnis für die, die das Gefühl haben, dass die Christine das Thema vielleicht aufgreifen _könnte_ ;-)

    Liebe Grüße!

    Markus

    • Hallo Markus,

      deinen ersten Punkt kann ich verstehen. Es gibt immer Leute, die eine andere Herangehensweise an das Bloggen haben. Was deinen zweiten Punkt betrifft. Wer meinen Blog liest, weiß, womit ich mich so beschäftige – ganz sicher :-)

      Liebe Grüße
      Christine

      • fortytwo195

        Lesen? Verstehen? Jetzt übertreibst Du aber ;-)

  • MittagMedienmacher

    Leider gibt es Themen, über die man immer wieder schreiben / bloggen muss. Vielen Dank für deinen guten Beitrag!

    Wenn ich Workshops zum Thema gebe, erlebe ich leider immer noch oft Reaktionen wie diese: „Wenn ich denen (Journalisten) meinen Text (Pressemitteilung) schicke, dann MÜSSEN die den doch bringen…!“ Aber, Besserung ist in Sicht. Nach dem Training akzeptieren 9 von 10 Teilnehmern die Spielregeln. Ist doch ein guter Schnitt. :-)

    Sonnige Grüße aus Berlin
    Insa

  • dominikpabst

    An einer solchen Art und Weise des Herantretens an einen „fremden“ Blogger kann man doch (meinem Meining nach) viele Rückschlüsse auf die wirkliche Wertschätzung schließen. In vielen Fällen wird der „liebe Blogger“ einfach nur als eine Art Werbeschleuder mit ggf. mächtiger Reichweite angesehen… Die Person und deren Persönlichkeit, welche wohl einer der wichtigsten Faktoren ist, weshalb ein Blogger „erfolgreich“ ist, wird vollkommend vernachlässigt.
    So werden getreu nach dem Motto „Auch ein blindes Huhn findet ein Korn“ möglichst viele Blogs in den Verteiler aufgenommen, in der Hoffnung, dass einer der Adressaten der Bitte nachgeht und als Werbeträger fugiert. Aber sich darüber zu ärgern macht ja auch nicht wirklich Sinn. Eine kleine Regel im SPAM-System und Ruhe ist (mehr oder weniger) xD

    Aber das ist einfach eine Thematik, die nie zu genüge diskutiert werden kann. Und meiner Meinung nach deswegen so oft wie möglich wieder auf die Tapete gebracht werden MUSS, bis der/die Letzte es auch verstanden hat ;)

  • Bätschman

    Da gibt es eigentlich nichts hinzuzufügen. Blogger Relations wollen gelernt sein. Neben dem Wissen wie man einen Blogger anspricht, denke ich scheitert es in manchen Abteilungen wohl auch an der Wertschätzung. Serienmails mit „Lieber Blogger“ an 100 Blogger geschickt geht schneller als jedes E-Mail einzeln zu verschicken. Wertschätzung für die Person und seine Arbeit gleich null. Kostet alles Arbeit und damit Geld.

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