Generation Y – Zur Hölle mit den Schubladen

Schubladendenken

Ich glaube, ich muss hier etwas klarstellen: Denn ich fühle mich in keiner der ach so gerne verwendeten Schubladen wirklich wohl, geschweige denn, dass ich mich mit den Klischeebildern identifizieren kann. Irgendwie soll ich zu den ‚Digital Natives’ gehören, obwohl ich gerne online aber nicht ‚always on’ bin. Meine berufliche Laufbahn ist mir wichtig, ohne dass ich direkt als ‚Karrierefrau’ betitelt werden möchte, die neben dem Beruf keine Familie kennt. Ich trage ein dunkles Brillengestell, ohne mich als ‚Hipster’ zu sehen. Und ob man es glaub oder nicht, ich bin 1985 geboren und kann mich so gar nicht mit dem identifizieren, was gestern bei Lead Digital über die ‚Generation Y’ zu lesen war.

In all der Informationsflut, der die Generation Y täglich ausgesetzt sei, habe sie es verlernt, sich kurz zu fassen und die Zeit anderer zu respektieren. Informationen rauschen Tag für Tag an uns vorbei und wir sind damit beschäftigt, die für uns wichtigen Nachrichten herauszufiltern. Dies ist keinesfalls ein Problem einer einzelnen Generation, sondern einer Gesellschaft. Ich bin davon überzeugt, dass derjenige die Informationsflut bestehen kann, der diese einerseits gewohnt ist und andererseits beherrschen kann – man muss eine Methode entwickelt haben, die wichtigen Nachrichten nicht zu verpassen. Bei mir sind es die Google Alerts und mein RSS-Reader. Wer gelernt hat, im Informationsfluss zu bestehen, der hat für sich auch das Zeitproblem gelöst.

Die Generation müsse sich mit Machtspielen vertraut machen. Ach so. Müssen wir das? Ich für meinen Teil finde es wichtig, zwischen Macht und Hierarchie zu unterscheiden. Hierarchien geben Unternehmen Struktur und werden mit Sicherheit weiter Bestand haben. Es geht um Anerkennung der geleisteten Arbeit, um ehrliches Feedback, darum als Person respektiert zu werden, fairen Arbeitsbedingungen ausgesetzt und angemessen bezahlt zu werden. Wertschätzung ist hier das entscheidende Stichwort und das ist kein Spiel. Unternehmen, die dies nicht bieten können, werden in den meisten Fällen nicht der Wunscharbeitgeber derer sein, die Wertschätzung erwarten. Und bye the way: Es gibt bereits Unternehmen, die das verstanden haben.

Von der Erfahrung älterer Kollegen könne sich die Generation Y eine Scheibe abschneiden.  Bitte was soll das denn? Hat das bisher nicht jede ältere Generation über die Jüngeren gesagt? Erfahrungsaustausch zwischen den Generationen heißt doch das Zauberwort. Und das ist schon immer ein Thema und wird immer ein Thema bleiben.

Die Generation solle sich doch bitte nicht so anspruchsvoll sein. Nicht anspruchsvoll sein? Ich kann mich noch gut an die unbezahlten Praktika während meines Studiums erinnern, in denen ich Vollzeit gearbeitet und Projekte verantwortet habe, um Netto Null Euro herauszubekommen. Ich möchte nicht mehr anspruchslos sein! Wissen, wer man ist und was man kann. Entschlossen, anspruchsvoll aber nicht überheblich und abgehoben ist – wie ich finde eine gute Mischung.

Die Generation Y solle doch bitte realistische Erwartungen an Arbeitgeber stellen. Das ist ja gut und schön, wenn auch der Arbeitgeber realistische Vorstellung von einer Stelle, deren Besetzung und Vergütung hat. Wenn ich da nur an so manche Stellenbeschreibung für Social Media Manager denke, dann ist diese Voraussetzung nicht immer wirklich gegeben.

Digital Native, Karrierefrau, Hipster – dieses Schubladendenken stinkt mir gewaltig! Vor allem wenn diese Klischees durch derartige Artikel, wie dem eben genannten, genährt werden. Persönliche Erfahrungen sind immer subjektiv – kein Problem. Schwierig wird es, wenn man aus diesen persönlichen Erfahrungen und angeblichen Studienergebnisse, deren Beleg ausbleibt, Pauschalaussagen und Empfehlungen formuliert, die nun, wie der Name schon besagt, eine gesamte Generation betreffen.

  • Rolf Externbrink

    …in der Tat eine etwas rückwärts gewandte Sicht der Dinge. Ich weiß jetzt gar nicht in welche Schublade ich gehöre – Generation Baby-Boomer, X oder Golf? Ist mir aber auch völlig egal. Das echte Leben lässt uns ja (leider?) nicht in einer kleinen, überschaubaren Schublade verweilen, sondern schüttet uns alle zusammen in eine große Kiste, in der wir gemeinsam klar kommen müssen. Was ich im übrigen eine schöne Aufgabe finde. Besonders ulkig fand ich, dass die „Altvorderen“ sich kürzer fassen und schneller auf den Punkt kommen. Das ist auf keinen Fall ein Generationenproblem, sondern definitiv eine Typfrage. Und in der Rückwärtsbetrachtung stimmt nur eins: Damals war alles viel früher…

  • Benjamin O’Daniel

    Das Generation Y-Bashing ist gerade schwer in Mode. Die FAZ titelte letztens “Generation Weichei”, die ZEIT schrieb “Wollen die auch arbeiten?” Und so weiter. Die Artikel leben von Klischees und Verallgemeinerungen. Die Phänomene werden nicht mit der Arbeitsmarkt-Realität abgeglichen. Beispiel “Anspruchsvoll sein”: Es sind ja nicht nur die Praktika, sondern auch unterbezahlte Ausbildungsverträge und Kettenbefristungen.

    Wenn ich mich in meinem Freundeskreis umhöre, dann kommt man eher zum Ergebnis: Die “jungen Leute” wollen einen ganz normalen Job, der sicher, interessant und halbwegs gut bezahlt ist. So wie alle anderen Generationen vor ihnen auch.

    • http://www.punktefrau.de/ Christine Dingler

      Das sehe ich ganz genauso wie du. Ärgerlich ist nur, dass der, der am lautesten brüllt auch ein Stück weit das Klischeebild/ die Schublade mitgestaltet.

      • Benjamin O’Daniel

        stimmt. Die einzige Hoffnung, die uns bleibt, ist, dass sich die Redaktionen demnächst in die “Generation Z” verbeißen ;-) Die sind dann noch jünger, noch dekadenter, noch digitaler. Eine schöne neue Sau, die man durchs Dorf jagen kann.

  • http://drikkes.com/ drikkes

    “Nico Rose … wurde an der EBS Business School (Oestrich-Winkel) in BWL promoviert. Im Hauptberuf verantwortet er das konzernübergreifende Employer Brand Management eines großen Medienkonzerns. … Nico Rose ist Autor
    von mehr als 20 Fachartikeln…”

  • boogie

    Es tut mir Leid das zu sagen, aber mit deinen Aussagen bestätigst du eben ein Stück weit genau diese Schubladen, und das du genau auch typisch bist für diese Generation (Was ja nicht unbedingt etwas Schlimmes sein muss!) Das man von sich selber sagt, ich gehöre in keine Schublade sondern finde dies und jenes einfach lässig, gehört genau so dazu. Diejenigen, welche du als Hipsters oder Karrierefrauen bezeichnen würdest, würden höchst wahrscheinlich auch behaupten sie gehören nicht in diese Schublade. Aber wer sich seine News mit Google Alerts und RSS Feed filtert, eine Hornbrille trägt, Anerkennung fordert usw. ist nun mal genau typisch für diese Generation “Y”. Warum also abstreiten? Es spielt doch gar keine Rolle. Irgendwie gehört man immer in eine Generation oder Schublade etc.

    • http://www.punktefrau.de/ Christine Dingler

      Hallo boogie,

      jedem sei seine Meinung gegönnt. Ich habe eine andere. Ich muss mich nicht in einer Schublade stecken lassen, nur der Schublade willen und weil ich vielleicht einige Eigenschaften besitze, die man dieser Gruppe in der Schublade nachsagt. Ganze Industries richten sich nach dieser Generation Y aus, was wirklich keinen Sinn macht, wenn sich nur wenige Menschen mit dieser “Gruppe” identifizieren können und sich dazu zählen. Im Übrigen: Kommentare sind dafür da seine Meinung zu sagen, dann aber unter einem “Pseudonym” und ohne Verweis bzw Klarnamen aufzutreten, sagt auch schon etwas aus.

      Viele Grüße
      Christine

    • http://www.claudia-klinger.de/digidiary/ ClaudiaBerlin

      Fordert nicht JEDER Anerkennung? Was für ein saudummes Kriterium für eine ganze Generation!
      Im übrigen kenne ich viele aus meiner Generation der Babyboomer, die ebenfalls zeitgemäße Methoden der Newsfilterung verwenden. Und Brillenmoden wechseln alle 3 Jahre – für alle!

  • http://danielrehn.wordpress.com/ Daniel Rehn

    Jepp. Da bin ich bei dir.

    Das Einzige, was mich irritiert und gar erschreckt: Wie lange werden diese GenY-Diskussionen denn bitte mittlerweile geführt? Ich hab bereits vor einem halben Jahr meine Zeilen dazu verfasst und das Thema ist immer noch für einen Reißer gut … (http://danielrehn.wordpress.com/2013/04/11/von-schubladendenken-und-etikettierungswahn/)

  • Marco M.-Schwaiger
  • Claudia Hösl

    Ich gehöre – glaube ich – zur Generation X und pflichte Dir absolut bei;
    allerdings bringen mich solche Verallgemeinerungen nicht mehr in
    Wallungen, entweder weil ich mich als PR Beraterin sonst fast toujours
    aufregen müsste oder – und das trifft es eher – ich mir sage ‘so what’.

    Die Generation Y sorgt dafür, dass Arbeitgeber endlich kapieren, dass
    sie sich um ihre Mitarbeiter bemühen müssen, bravo und danke dafür!

    Und irgendwie sind wir doch alle ein bißchen Generation Y, zumindest die
    Smartphone-Besitzer, Twitterer und Menschen mit dunklen
    Brillengestellen

  • Silke

    Ich stimme dir zu: Schubladendenken ist ja ein etwas hilfloses Hilfskonstrukt. Ich konnte damit auch noch nie viel anfangen. Man kann ja mal gucken – um im Bild zu bleiben – wie viele Schubladen der einzelne Mensch so hat, die er dann je nach Situation aufzieht und – wenn’s gut läuft – was Spannendes rausholt. Dann stellt man wahrscheinlich bei den allermeisten fest, dass alles zusammengenommen irgendwie nach Kommode aussieht. Der Vorteil: Als Kommode ist man ziemlich vielseitig. Ich bin mir sicher, das ist sogar bei der alten Garde so, also denen, die sich von der ‘Generation Y’ anscheinend ziemlich genervt fühlen. Alles andere wäre auch ganz schön unlogisch, so wie unser Gehirn konstruiert ist: auf Anpassung programmiert, zum Lernen geboren.

  • Martina Baehr

    Hallo Frau Dingler,
    ich bin zufällig über eine Empfehlung von XÍNG an ihren Blogbeitrag geraten. Die Diskussion ist sehr interessant und ich habe mir auch den Artikel durchgelesen auf den Sie sich beziehen.
    Ihr Urteil kann ich nachvollziehen. Ich selbst gehöre wohl der Generation X an. Und ich finde, ja man sollte gegenseitig von einander lernen. Und was man nicht verwechseln sollte: Gesellschaftlich befinden wir uns meiner Meinung nach und Gott sei Dank in einer Entwicklung hin zu mehr Demokratie und Gleichwertigkeit. Das bedeutet allerdings auch mehr Eigenverantwortung für den Einzelnen. Und es betrifft alle Generationen von X bis Z.
    Deshalb sollte man aus meiner Sicht berechtigte Forderungen nicht aufgeben, sondern sie angemessen mit der notwendigen Wertschätzung formulieren:
    Ja, wir brauchen mehr Demokratie und Beteiligung in den Unternehmen. Weniger Status, Amtsautorität und Machtspiele. Das kostet nämlich jede Menge Zeit, ist damit unproduktiv und macht viele unzufrieden. Und nur wenige profitieren davon. Und wir sollten den Mut aufbringen diese Strukturen auch zu verändern.
    Ja wir brauchen mehr Kommunikation und Pflege von Beziehungen. Das ist ja gerade ein Problem. Wir sind vermeintlich auf eine Sache konzentriert und nehmen alles darum herum – Motive, Meinungen, Gefühle usw. – gar nicht mehr wahr. Dadurch führen diese Dinge ein unbewusstes Eigenleben und bremsen vieles aus, auch hilfreiche Veränderungen.
    Übrigens, als Frau mit Führungserfahrung kenne ich solche Diskussionen natürlich. Auch meiner “Gruppe” wurde oft vorgeschlagen sich den Machtspielen der Männer doch nicht zu entziehen. Das gehöre einfach dazu. Ich kann dazu nur sagen: Hören Sie auf Ihr Gefühl, Ihre innere Stimme. Und lassen Sie sich von solchen Dingen nicht zu sehr beeinflussen.
    Herzliche Grüße
    Martina Baehr

  • Astrid Krampe

    Hach, die Schubladen immer. Wenn ich jetzt mal die Kriterien, die Du aufführst, bei mir anlege, muss ich grinsen. Meine neue Brille hat einen dicken Rand, und wie ich darauf bestehe, dass man mich anständig bezahlt und meine Arbeit wert schätzt. Ich war noch in der Grundschule als der erste IBM bei uns zuhause Einzug gehalten hat. Bin ich jetzt auch Hipster, Digital Native und Karrierefrau? Bin ich gar Generation Y, weil ich Ansprüche habe und Duckmäuserei zum Kotzen finde? Oder gar weil ich mich auf dem Laufenden halte und das im Netz? Wir sind 10 Jahre auseinander und doch sind da Parallelen. Ich meine Artikel zu verfassen, die Menschen der gleichen Geburtsdekade über einen Kamm scheren, sagt mehr über den Autor als über eine Generation. Wer sich mit Zeitgeist und veränderten Verhaltensweisen auseinandersetzen will, kann das auch ohne Klischees aufzubauen.

  • Pingback: Protokoll vom 12. Oktober 2013 « trackback.fritz.de

  • Pingback: TRB 348: Pressekompass, Awards, Mobilisierung, Gen Y, @txtlastig « trackback.fritz.de

  • Pingback: #28: Blogwoche | Bloggen. Leben. Nähen.

  • Pingback: Lesenswerte Links – Kalenderwoche 42 in 2013 > Vermischtes > Lesenswerte Links 2013

  • Ninia LaGrande

    Super gute Antwort auf diesen Artikel – danke!

    • http://www.punktefrau.de/ Christine Dingler

      danke dir :)

  • Pingback: Mitarbeitersuche in der Gastronomie: Echte Fachkräfte ohne Schubladendenken gesucht.