Das Problem mit der Filterblase

(Bildquelle: CC BY-ND 2.0 BY Photoclinique | flickr.com)

Auf dem CommunityCamp in Berlin wurde am letzten Wochenende im Oktober ausführlich über das Berufsbild des Social Media Managers diskutiert. Er twittert während der Arbeit, besucht diese Barcamps, die Push-Notifications auf dem Smartphone stehen selten still und dann noch diese Google Hangouts. Für viele Kollegen und Kunden sind wir Paradiesvögel. Genauer betrachtet sind wir gefangen in einer Filterblase, in der kaum jemand versteht, dass eine andere Person den Edgerank nicht kennt. Ich glaube, wir haben an manchen Stellen den Bodenkontakt verloren, es uns in unserer Filterblase zu gemütlich gemacht. Wir vernachlässigen die eigentliche Aufgabe des Social Media Managers, die darin besteht, der Berater und zentrale Ansprechpartner für digitale Themen zu sein, ob für das Unternehmen, eine Agentur oder Kunden.

(Bildquelle: CC BY-ND 2.0 BY Photoclinique | flickr.com)

 

In der Gesellschaft Gleichgesinnter

Rückblick: Was die Teilnehmer des CommunityCamps in Berlin alle gemeinsam haben, ist ihre Passion für das Social Web. Sie sind entweder bei Unternehmen beziehungsweise Agenturen oder freiberuflich tätig, betreuen Communities oder kümmern sich darum, ihre Firmen und Kunden im digitalen Wandel zu begleiten und zu beraten. Ihre Leidenschaft war in jeder Session und in ihren Augen, bei jedem Kaffee und Bier zu spüren. Sie wogen sich in Sicherheit, auf diesem Barcamp niemanden zu treffen, der ihnen ein „das wird sich eh nicht durchsetzen“, ein „dafür haben wir kein Budget“ oder ein „das haben wir bisher nicht gebraucht und wir werden auch ohne auskommen“ entgegenwerfen würde. Es tat gut, sich in der Gesellschaft Gleichgesinnter zu wissen. Es war ein Wiedersehen mit den Menschen, die einst flüchtige Kontakte aus dem täglichen Social Media Stream waren und nun Freunde sind, mit denen man sich gerne trifft und austauscht. An zwei Tagen umgab man sich dort mit Menschen, welche die gleichen Herausforderungen täglich überwinden müssen, die sich die gleichen Fragen stellen. Hier wurde die Share Economy gelebt. Man hielt Sessions zu Themen, mit denen man sich beschäftigen möchte oder intensiv beschäftigt hat, gab Wissen weiter, um einen Slot später am Wissen eines anderen teilzuhaben. Dieser Austausch ist mir sehr wichtig. Und Johannes hat Recht, wenn er schreibt, dass diese Veranstaltungen und unsere gemeinsame Passion wertvolle Impulse für die Arbeit jedes Einzelnen geben. Und jetzt kommt mein ABER:

 

Der Social Media Manager als interner Berater digitaler Themen

Wie der Titel dieses Beitrags vermuten lässt, möchte ich keine rosarote Wolke im den Kreis der Gleichgesinnten – der Social Media Enthusiasten – malen. Wer Vivians kürzlich erschienenes Buch „Der Social Media Manager“ liest, der kommt vielleicht zu einem ähnlichen Schluss wie ich: Der Social Media Manager muss in seinem Unternehmen bzw. für seine Kunden der Berater für digitale Themen sein, kein Freak und auch kein Außenseiter. Einen guten Berater zeichnet es aus, dass er neben seiner Passion auch die Außenperspektive einnehmen kann. Der Social Media Manager sollte über aktuelle Onlinethemen informiert sein – natürlich. Er muss aber auch abschätzen können, was der digitale Wandel für seinen Kunden, sein Unternehmen, sein Produkt, das Geschäftsmodell bedeutet. Dazu bedarf es, ab und an einen Schritt zurückzutreten und mit etwas Abstand auf die Dinge zu schauen.

Ich höre immer wieder Stimmen aus meiner persönlichen Filterblase, die beklagen, dass sie im Unternehmen keinen einfachen Stand haben. Sie werden kritisch beäugt werden, weil sie z.B. während ihrer Arbeit  auf einem Laptop Twitter lesen, weil sie sich aufregen, wenn Facebook mal 2 Stunden down ist, das neue Xing-Design nicht gefällt oder Google wieder die Geschäftsbedingungen geändert hat. In unserer Filterblase ist das alles normal – aber auch nur hier. Wir müssen als Berater digitaler Themen in Unternehmen und bei Kunden dicke Bretter bohren. Aber wir müssen insbesondere die Menschen mitnehmen – unabhängig davon, auf welchem Wissensstand sie sind. Beäugen die Kollegen uns kritisch, kann (ich sage hier ganz bewusst „kann“) das ein Indiz dafür sein, dass wir sie nicht genügend einbeziehen, nicht ausreichend aufklären – sie nicht mitgenommen haben. Die Filterblase ist wichtig, um sich dort mit Gleichgesinnten auszutauschen, in unserer Funktion des Beraters ist eben diese Blase auch manchmal hinderlich.

 

Weg von den Plattformen hin zu den Mechanismen & ganz wichtig: Bodenkontakt

 

(Bildquelle: CC BY-NC-SA 2.0 BY orarewedancer | flickr.com)

(Bildquelle: CC BY-NC-SA 2.0 BY orarewedancer | flickr.com)

Nach dem CommunityCamp hatte ich neben vielen tollen Gesprächen, guten Sessions und dem Wiedersehen mit vielen lieben Menschen den Eindruck, dass wir uns doch oft im Detail  in den Plattformen verlieren. Ich für meinen Teil bin an einem Punkt angekommen, an dem ich mir weniger Gedanken um Facebook-Ads, Twitter-Accounts, Google+-Communities und andere Plattformen machen möchte, sondern mehr um die Mechanismen hinter dem, was wir als Social Web bezeichnen: Wie verändert der digitale Wandel das Unternehmen, das Produkt und die Abteilungen? Wie werden wir zukünftig Wissen managen, uns weiterbilden und zusammenarbeiten? Was im Grund auch viel spannender ist, da Plattformen kommen und gehen, die Mechanismen aber bleiben.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir unseren Stellenwert als Social Media Manager in Unternehmen, Agenturen oder als Freiberufler selbst in der Hand haben. Halten wir uns weiter ausschließlich in unserer bequemen und komfortablen Filterblase auf und schaffen es nicht, den Schritt zurückzutreten, so dürfen wir uns nicht beschweren, wenn wir merkwürdig beäugt und als der Paradiesvogel bezeichnet werden. Denn nicht das Social Media Know-how alleine, macht uns zu einem guten Berater für digitale Themen, sondern die Bodenständigkeit – die Fähigkeit, die Außenperspektive einnehmen zu können, die Mechanismen zu verstehen und andere mit unserer Leidenschaft anzustecken.

PS: Wer den Bodenkontakt verloren hat, dem rate ich: Fragt einmal eure Eltern, was die deutsche Huffington Post oder der Edgerank ist. Danach spürt man ihn wieder – den Boden.

PPS: Auf dem CommunityCamp habe ich genau über das Thema „Social Media Manager und ihre Filterblase“ mit Steffi eine Session gehalten. In diesem Beitrag habe ich versucht, alle Inhalte der Session zusammenzufassen. Wenn ich dennoch etwas vergessen habe, ergänzt gerne in den Kommentaren!

  • Kristine

    Sehr schön geschrieben! Danke dir!
    Hierzu auch zwei Anekdoten aus meinem Umfeld.
    Zum Stichwort Eingehen auf die Unternehmen: Ich habe bereits von verschiedenen Touristikern gehört, dass sie auf diversen Workshops und Vorträgen zum Thema Social Media waren. Von der Masse an Informationen sowie vor allem von den dort kommunizierten Anforderungen waren sie letztlich jedoch dermaßen überfordert, dass sie am Ende gar nichts umsetzten.
    Zum Stichwort Eltern fragen: Mein Vater letztens: “YouTube? Sowas brauche ich nicht” – Aber das Video auf der Hotelseite, das fand er toll. Ich darauf zu ihm: “Das ist YouTube.”, was zu einem großen Staunen seinerseits führte.

    Liebe Grüße, Kristine

    • http://www.punktefrau.de/ Christine Dingler

      Danke dir, Kristine!

  • Sebastian Jabbusch

    Das trifft es sehr gut !

    • http://www.punktefrau.de/ Christine Dingler

      Danke!

  • SocialMedia.ID

    Guten Abend,

    ich bin etwas verwundert, dass die Theorie der Filter Bubble gerade eine Art Revival erlebt. Eli Pariser selbst erklärt in einem SZ Interview zum Erscheinen seines Buches in Deutschland, dass sich die Dinge verändert haben und wir durchaus Einfluss nehmen können auf das, was wir zB als Suchergebnisse erhalten. Insofern bin ich mir unsicher, ob man wirklich die Kompetenz des Social Media Managers in diesem Kontext erwähnen sollte. Das ist aber eben auch eine Geschmacksfrage – mir gefällts nicht.

    Ansonsten finde ich den Beitrag sehr gelungen, würde mir jedoch eine klare Unterscheidung zwischen Social Media Manager und Social Media Berater wünschen: Während der Eine zB festangestellt arbeitet, wird der Andere eingekauft – aus dieser Grundsituation ergeben sich mMn ganz andere Ansprüche, welche ein Kunde stellen darf: So wird die Dienstblindheit auch für dem Onlinemenschen keine Ausnahme darstellen.

    Wichtig finde ich jedoch den Hinweis darauf, dass es nicht darum geht einen “Nerd”, einen “Enthusiasten” oder dgl. zu finden. Social Media ist ein ernstzunehmendes Thema und insofern sollte das zuständige Personal als Teil eines Teams und nicht als außenstehende – quasi digitale Dauerverbindung – verstanden werden.

    Danke für den Beitrag und die ausführliche Schilderung.

    • http://www.punktefrau.de/ Christine Dingler

      Hallo SocialMedia.ID,

      danke für dein Feedback. In meinem Beitrag geht es nur um Social Media Manager. Diese Funktion kann man freiberuflich oder in Anstellung ausüben, das wollte ich im Beitrag differenzieren.

      VG Christine

      • SocialMedia.ID

        Hi Christine,

        richtig aber auch dort fehlt mir ein wenig die Differenzierung. Du selbst verwendest und taggst ja auch mit Berater, daher scheint wohl mein Leseverständnis irritiert worden zu sein. Insofern vielen Dank noch einmal für den Beitrag, der viele wichtige Punkte enthält.

        • http://www.punktefrau.de/ Christine Dingler

          Ich tagge den Artikel mit ‘Berater’, weil der Social Media Manager als interner Berater für digitale Themen agieren sollte, nicht weil es in dem Artikel um Social Media Berater geht.

  • Pingback: Die Filterblase und die richtigen Fragen | Katja bloggt

  • Richy Bretzger

    Liebe Christine, vielen Dank für diesen tollen Beitrag!! Mir gefällt die Argumentation vor allem deswegen so gut, weil sie auch eine ganz andere Seite für den Stellenwert des Social Media Managers hervorhebt, nämlich ihn selbst als denjenigen, der für seinen eigenen Bodenkontakt verantwortlich ist! In meiner Session am CommunityCamp habe ich selbst das ganze aus der anderen Perspektive betrachtet (das Unternehmen verkennt den Stellenwert des Social Media Managers) und in meinem Bericht dazu hat jemand in einem Kommentar eine wunderbare Metapher verwendet, die verdeutlicht, wie sich im Arbeitsfeld von Social Media Managern ständig alles außenrum verändert und er diesen Anforderungen von allen unterschiedlichen Abteilungen immer gerecht werden muss. Das Gleiche finde ich in deinem Beitrag: Der Social Media Manager ist in der Tat Berater für digitale Themen. Er ist sogar nicht nur INTERNER Berater und nicht nur für DIGITALE Themen, sondern Ansprechpartner für Veränderung der Kommunikation von Menschen. Er ist es, der diese Veränderung selbst in der Bubble erlebt – jetzt kommt es nur darauf an, welche Schlüsse er daraus zieht und wie er diese in den Rest der Welt „übersetzen“ kann.

    Herzlich, Richy

    • http://www.punktefrau.de/ Christine Dingler

      Dem ist nichts hinzuzufügen ;) Vielen Dank und Grüße, Christine

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